Rasender Stillstand

Im erzwungenen Homeoffice kommt es zu dem paradoxen Phänomen, dass umso mehr gelesen – und damit Information verarbeitet – wird, je weniger man sich bewegt und neue Eindrücke direkt wahrnimmt. Mediengestütztes Newsjunkietum wird so noch einmal gefördert.
Problem: Was ist mit den vielen so gewonnenen Neuigkeiten anzufangen? Filtern? Durchlaufen lassen und drüber lachen? Oder sich ärgern? Eine Internetgruppe gründen, die sich Nachrichten ausfiltert und darüber aufregt? Z.B. über Feiertagsregelungen zu Ostern?
Sorry. Zweistündige Fahrradtour an frischer Luft bringt andere Erkenntnisse: z.B. dass es hier in der Jungfernheide noch Spechte gibt. Find ich wichtiger.

Unpassende Bemerkungen

Jetzt muss ich – ganz widerwillig – ein Geständnis machen. Jetzt – wo dieser amerikanische Präsidentendarsteller nicht mehr auf der politischen Bühne steht – kann ich’s ja sagen: Ich habe die Performance des Herrn T. mit großem Interesse beobachtet. Ja, leider!
Er schien mir wie eine Personifikation des Luhmannschen Begriffs „Autopoiese“. Kernpunkt ist, dass es überhaupt nicht darauf ankommt, ob das was du sagst stimmt. Es muss nur zu dem passen, was du vorher schon immer gesagt hast. Wichtig dabei ist auch, dass dir Leute zuhören und gegebenenfalls zustimmen.
Bezogen auf den o.g. Darsteller würde das bedeuten, dass er lügen konnte soviel er wollte. Im Zweifelfall konnte er sich auf sich selbst beziehen: „Ich bin ein Lügner, also darf ich das!“
Oder, wie Luhmann sagen würde: „Kommunikation ist unwahrscheinlich.“

Bildbetrachtung

Eben habe ich noch meine Verachtung für kunstvoll oder nachlässig produzierte Bilder kundgetan, da muss ich schon wieder zurückrudern. Selbstverständlich sind Bildmontagen zu Propagandazwecken Mist. Und dass am Anfang das Wort war, steht für mich außer Frage.
Aber nachhaltig erschüttert hat mich nun ein Dokumentarfilm über Dürer. Das Selbstbildnis im Pelzrock hat mich zum Hinschauen gezwungen und mich auch festgehalten. An Texten kann ich stundenlang klebenbleiben und weiterdenken, Bilder schaue ich meist an, denke „gut“ oder „schlecht“ und gehe dann sofort weiter.
War das jetzt ein Stück Wahrheit über den Maler Dürer?

Verblendungszusammenhang

Bei Problemen mit der Realitätswahrnehmung konzentriere ich mich nun wieder auf eine These von Theodor W(iesengrund!) Adorno aus der Dialektik der Aufklärung. Ist nämlich nicht so einfach, wie Hegel behauptet hat. Aufklärung soll aus der Befangenheit im Mythos befreien. In der Theorie.
Praktisch jedoch tendieren viele Aufklärer dazu, ihr Anliegen als destruktiven blinden Fortschritt ins Gegenteil zu treiben. Die gepriesene Globalisierung ist ein Beispiel dafür -> Ausbeutung, Umweltzerstörung, Klimaerwärmung. Das Unbehagen daran macht es zwielichtigen Politikern leicht, Anhänger zu sammeln und zu verführen.
Nach allem, was wir bisher beobachten konnten, tragen neue Medien ihren Teil zu dieser negativen Dialektik bei. Adorno war Pessimist.

Literatur mit Verfallsdatum

Dunkle Winterzeit ist Lesezeit. Grund genug, einmal alte Bücher aus der Studienzeit wieder hervorzukramen. Wiederlesen, was mich einmal beeindruckte. Dabei war auch Handke: Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt. Ausführliche Reflexion beim Stillstand einer Rolltreppe in Prag.
Meine Gedanken im Jahr 1988: Interessant, aber etwas schwer verständlich. Was könnte der Autor damit gemeint haben?
Gedanken dazu im Jahr 2020: Was ein literarisches Schrottwichteln. Der Autor wurde seinerzeit überschätzt.
Es schreibt eben nicht jeder für die Ewigkeit. Und dir Prager Rolltreppen sind Spitze!

Aufribbeln

Dass Programmierarbeit mit Strickmustern verknüpft ist, habe ich schon erwähnt. Manche „Narrative“ erscheinen mir auch als kunstvoll komponierte Zopf- und Lochmuster, wie sie aus der Strickerei bekannt ist.
Umso mehr beschäftigt mich das „Aufribbeln“ dieser Kunststücke, da mir Vieles davon nicht einleuchtet. Manche Strategien gegen zusammengestrickte Narrative beschränken sich auf die Taktik: „Loch reinschneiden!“
Kann mich als geradlinige Strickerin nicht überzeugen. Ich nutze vorzugsweise das altmodische „Aufribbeln“. Und schaue nach, ob da Material dabei war, das ich auch gebrauchen kann. Nachhaltig eben.

Maulfaul

Vor ein paar Tagen konnte ich im Vorbeigehen eine Amsel hören, die das Tatüü-Tataa eines eben vorbeigefahrenen Krankenwagen nachahmte. Holla! Das klang fast echt, musste ich bewundernd feststellen.

Geräuschempfindliche wissen es längst. Laut geben, singen, sprechen – sich akustisch zu äußern scheint Merkmal alles Lebenden zu sein, selbst bei Bäumen konnten schon Geräuschsignale gemessen werden.

Quasselnde Menschen lassen einen manchmal an dem Bibelspruch zweifeln: Am Anfang war das Wort. Es gilt das gesprochene Wort, das war einer der ersten Sätze in meinem Seminar für Freiberufler. Aber bei Vielrednern vergisst man doch sofort wieder, was gesagt wurde. Was passiert mit den vielen unnütz gewordenen Wörtern? Lösen die sich in Luft auf? Oder begeben sich auf Reisen in die unendlichen Weiten des Weltalls? Und was ist mit den Wörtern, die jemand sagt, den ich nicht gehört habe? Gelten die auch für mich, die ich mich regelmäßig zwingen muss, Podcasts zu hören?

Viel wichtiger finden daher einige das geschriebene Wort. Also, das, was auch gelesen wird …

Verratene Realitäten

Nein, klar, dies ist keine Katze. Eine miese Kopie meines längst verstorbenen Katers „Boogie“. Ich frage mich auch, was meine Erinnerung an das Tier noch mit der damals gelebten Mensch-Tier-Relation zu tun hat.
Aber wenn es sich mit Bildern so verhält – wie ist es dann mit Texten? Realität angemessen nacherzählen? Journalisten haben damit vielleicht noch größere Schwierigkeiten als Lyriker, Poeten, Schriftsteller.
„Das Stellen der Schrift“ von Klaus Modick gibt schon im Titel den Hinweis darauf, das es beim Textschreiben ähnlich zugeht wie beim Einräumen einer Wohnung. Wände anstreichen, um eine bestimmte angenehme Atmosphäre zu erzeugen – oder nackter, kahler Beton? Sofa: weicher Stoff oder kühles Leder? Die reinste Horrorlektüre sind Autobiographien, meine hat sich im Lauf der Zeit schon ein paarmal geändert. Diese Woche erschien eine von (über?) Barak Obama.

Sturzflüge

So einiges solllte man noch tun. Ich rede jetzt gar nicht über reisen in Länder, die unbedingt noch besucht werden sollten. Es gibt da noch einige unentwickelte Ideen. Da müsste man doch noch weiterspinnen. Umsetzen auch. Schließlich will man etwas beweisen. Und eine Doktorarbeit darüber schreiben. Aber vielleicht hat schon jemand daran gedacht und geschrieben. Dann sieht es aus wie ein Plagiat.

Erschriebene Identitäten

Jedesmal wenn ich einen Text lese von einer Person, die ich kenne, frage ich mich, ob das geht. Unterschiedliche Versionen von einem Selbst erschreiben. Ich frage mich dann oft: Wieso schreibt die das? Kann gar nicht sein. Die ist doch ganz anders!
Dabei sollte ich es besser wissen, schummle ich doch auch bei meinem Internet-Identitäten -Management.

Eine Freundin von mir ist Schriftstellerin. Sie steht voll im Leben, hat Leben, Arbeit, Beziehungen, alles gut im Griff. Aber wenn ich ein Buch von ihr lese, entsteht ein Bild von einer traurigen, armen und abhängigen Persönlichkeit, die sich zu teilweise illegalen Auswegen hinreißen lässt. Sollte man das verstehen als eine Art Identitätsarbeit durch die Schaffung von Antitypen?

Gestern habe ich diesen Spruch gefunden und gleich wieder auf der Gedankenautobahn gefragt: Was hat dieser Shakespeare eigentlich gemacht? Theater gebaut, gemanagt, Schauspieler eingestellt, Regie geführt, geschauspielert? Hat er auch geschrieben? Wenn ja, woher wusste er das alles? Kein Beispiel für der Wahrheit verpflichtete Journalisten.

The Truth Is Out There

Berliner Pflaster

Wirklich? Echt jetzt? Und in Wahrheit?
Seufzendes Schulterzucken. Was machen Sie denn, wenn Sie einmal wirklich die Wahrheit brauchen?
Denken Sie nur an Ihr Erinnerungsvermögen!
Eine Freundin von mir wurde gefragt: Was haben Sie am 9. November 1989 gemacht? Sie sagte: Ich weiß es noch wie heute, ich bin als fröhliches Kind über die Mauer geklettert!
Ihre Mutter war auch anwesend. Sie entgegnete: Neiiin! Wir waren den ganzen Tag zusammen. Und du bist nicht über die Mauer geklettert.
Nun weiß man, dass nachgeholfene Bruchstücke der Erinnerung eigen sind. Aber was soll man davon halten, wenn gegenwärtige Berichte über stattgefundene Ereignisse „nachbearbeitet“ wurden. Ob im Interesse einer gewünschten Weltsicht oder der angepeilten Zielgruppe oder einfach weil es den besseren Eindruck macht. Weil man sich als originell „verkaufen“ möchte. Der Spiegel sollte es besser wissen. Aber … nun denn.
Manche Theoretiker, z.B. Baudrillard oder Virilio, behaupten die faktische Vernichtung der Wahrheit durch den virtuellen Schein. In dem Verständnis ist Wahrheit nur noch eine Simulation.
Ich suche mir die Wahrheit aus Bruchstücken zusammen, durch eigene Anschauung, Presse, Medien und: ja – auch im Internet. In Wahrheit ist Wahrheit ein Mosaik.