Psychopathologie der Schreibsysteme

Vielleicht war Platons Kritik der Schrift richtig, nach der sie eine Verkümmerung der menschlichen Fähigkeit zur Erinnerung bewirke.
Die Programmierer von heute übernehmen die Rolle der Mönche des Mittelalters als Hüter eines Herrschaftswissens, das sie von den weniger Eingeweihten unterscheidet.

Friedrich Kittlers Seminare wollte ich immer noch einmal besuchen, verpasst.
Das Internet ist eine Hysterisierungsmaschine.

Fertig

bahngleise ins nichtsNach dem allgemeinen Aufmerksamkeitsdefizit bei den Blogs und der darauf folgenden Motivationskrise der Schreiber dachte ich schon gelegentlich über die Schließung nach. Aber den ein oder anderen Beitrag wollte ich schon noch loswerden.
Den Rest gab mir jetzt die ab 25. Mai geltende DSGVO.

Identitätenverwaltung

Der fortgeschrittene Internetnutzer kommt nicht umhin, den virtuosen Umgang mit „Nicknames“ zu erlernen, den Auftritt mit den multiplen Identitäten. In meinem Fall wäre es zum Beispiel ungünstig, wenn mein Kunde im Internet etwas über meine persönlichen und politischen Einstellungen liest, das könnte ihn erheblich irritieren. Womöglich würde er mir den teuren Auftrag wieder entziehen. Mein Partner arbeitet in einer Firma, dort wäre seine rebellische Website glatt ein Kündigungsgrund.
Im Zweifelsfall gilt: „Hirsch heiß ich.“

Bei „Underperformance“

Meine Befürchtung wächst, dass Günther Anders mit seiner These „Von der Antiquiertheit des Menschen“ grundsätzlich recht hat. Die Anforderungen an das technische Wissen, an die Geräteausstattung, an die Geschicklichkeit in sozialen Medien für einen Normalarbeitnehmer ändern sich quasi stündlich.
Erscheinungsformen der Überlastung sind zu beobachten. Eine Strategie, damit umzugehen ist das generelle Stillhalten, „nicht auffallen“ ist hier die oberste Handlungsmaxime.
Ich bevorzuge das Gegenteil, ein Gang in das Studio für Rennsimulation. Könnte helfen, tut es aber nicht

Löcher lassen

In seinen Aufschreibesystemen erklärt Friedrich Kittler die Medientransposition für unbefriedigend. Museen, die ihre Bestände digitalisieren müssen, wissen das. Niemand, der einen animierten Louvre-Rundgang gesehen hat, wird auf eine Reise nach Paris verzichten wollen. „Sie kann nichts Universales anrufen und muss, heißt das, Löcher lassen“ (Kittler)

Was bedeutet der Gedankengang für die Textproduktion? Unterscheiden sich Texte, die mit Schreibmaschine geschrieben worden sind von Computerproduzierten? „Ich kann mich besser konzentrieren, wenn ich meine Gedanken zu Papier bringe“, hat mir eine Freundin kürzlich gestanden. Für mich kann ich das nur so beantworten, dass meine Magisterarbeit garantiert länger geworden wäre. Sie hätte ausgefeiltere Argumentationsstränge enthalten: vom vielen Fotokopien zerschneiden und neue Abschnitte einfügen hatte ich irgendwann „Nase voll“. Dann wurde eben die bis dahin erstellte Fassung abgegeben.
Eine Frage bleibt trotzdem noch: Ist Textschreiben am Computer kreativer oder lenkt die Arbeitsumgebung ab vom eigentlichen Schreiben?

Querstrom

Das Allerschlimmste, was in einem auf Gleichstrom/Wechselstrom basierenden System passieren kann, sind Querströme. Vor allem dann, wenn Sie die auf Ihrem heimischen Kanal nicht erwarten.

Offline am Computer arbeiten ist sicher, oder?


Daniel Schwerd, der Netnerd aus Köln, veröffentlichte heute eine Reihe von Dokumenten aus den Jahren 2008-9 mit Beschreibungen der Instrumente, die die NSA (und vermutlich andere Geheimdienste) für das Ausspähen benutzen. Er leitete kürzlich das Horrorkabinett ein mit einer Anfrage im NRW-Landtage nach dem Zombie-Bügeleisen.
Demnach lassen sich Daten von Computern mit handelsüblichen Produkten (unter dem Namen „ANGRYNEIGHBOUR“), die in Tastatur, Kabel, USB-Sticks implantiert sind, per Radar (unter Umgehung des W-Lan Netzes) abfangen. Die Tastatureingaben lassen sich so in Entfernung von bis zu 3 km abfragen.
Darauf wäre theoretisch die einzig mögliche Reaktion ein technologischer GeneralSTREIK.

Obsolet

Es ist eine Zumutung. Uns dämmert allmählich, dass ein Leben mit Internet Gewohnheiten ändert, Gewissheiten erschüttert und ganze Theoriegebäude zum Einsturz bringt. Die sehnsüchtig herbeigewünschte Revolution der Technologie produziert auch Verluste. Die Berliner Transmediale reagiert mit dem Festivalthema afterglow. Zum Vorglühen stellen sich Künstler aus Bulgarien, Griechenland und der Türkei im „Supermarkt“ in der Brunnenstraße vor mit future past – past future vor.
Im Eingengsbereich stellt die bulgarische Künstergruppe Nagledna Arbeiten mit den Mitteln der politischen Typografie vor: zum Thema „the year of our discontent“. Plakate und Schriftparolen auf Monitoren – „Vorwärts immer, rückwärts nimmer“ – früher erschreckend, sieht heute kurios aus in sozialistisch-realistischem Schriftsatz.
Die griechisch-deutsche Künstlergruppe „The Erasers“ zeigt in ihrer Installation im Keller plakativ auf Verlorengegangenes. Karl Marx gehört dazu ebenso wie Privacy, Pixels und Abstrakte Kunst. Man schaut auf die hingestreuten Zettel und denkt frustriert: „Ja, Scheiße, stimmt!“
Marinos Koutsomichalis bestätigt meine These vom Computer als Strickmuster-Generator: ein neuer Blick auf gar nicht alte Produktionsweisen.

Geert Lovink im Theater

In der Reihe Netzkultur der bpb war gestern abend Geert Lovink zu Gast, das konnte ich mir nicht entgehen lassen. Zähnekirschend entschloss ich mich, die 20 € Eintritt zu zahlen, glücklicherweise habe ich es nicht bereut. Das Festspielhaus in der Schaperstraße war dann auch nur mittelgut besucht, Thema und Referent hätten eigentlich ein Riesenpublikum verdient.
In der klaustrophob-theatralischen Atmosphäre der Seitenbühne sprach Lovink in seiner Nicht-Muttersprache Deutsch über das Wichtigste: Was machen wir nun im Internet, nach den Snowden Enthüllungen, nach dieser Demütigung, die Lobo in deutsch-kulturpessimistischer Manier so wortreich beklagt? Finden wir uns einfach ab, weil das Internet eben ein prinzipiell öffentliches Medium ist? Er erwähnt Michael Seemann, der das wohl empfehlen würde. Oder ziehen wir uns zurück, verschlüsseln wir unsere Soft- und Hardware? Geert Lovink begrüßt es, dass über diese Fragen ein Streit in der Netzgemeinde entstanden ist. Ihn hat in jüngster Zeit die Harmoniesucht im Netz gestört – Einigkeit ist unangebracht, wo Diskussion nötig gewesen wäre. Und bei dem Thema „Privatsphäre“ gibt es keinen Common Sense.

Lovink empfiehlt uns zunächst einen Blick zurück. In eine Zeit als das Internet noch dezentral und community-basiert funktionierte. Er erinnert uns an die niederländische Digitale Stadt (in Berlin gab es die Internationale Stadt), hier waren Teilnehmer untereinander vernetzt, kannten sich und bezogen sich aufeinander. Generell wünscht er sich eine Redezentralisierung des Internets. Wir dürfen es nicht zulassen, dass wenige private Firmen oder staatliche Einrichtungen Monopole errichten, es uns bequem machen und unsere Aufmerksamkeit zum Zweck der Datensammelei abziehen. So wie das Internet im Moment noch strukturiert ist, ist es durchaus möglich, eine selbstgeschaffenen Struktur daraus zu entwickeln. Dazu zeigte er eine Grafik mit einem Muster, das er politisch-analog „föderalistisch“ nannte. Dass das eine arbeitsintensive Aufgabe ist bestritt er nicht, er hielt auch noch eine Liste mit Software bereit, die das Ausspähen zumindest etwas schwerer macht (Habe leider keinen Link!).

Bocksgesänge

Die Internet-Platzhirsche melden sich zu Wort (hier, hier und hier), um die Wertschätzung des Internets neu auszutarieren. Ihrer Meinung nach ist das nun nötig nach dieser Enttäuschung, die seit den Geheimdienst-Leaks von Edward Snowden eingetreten ist.
Womit wir wieder bei der Grundfrage aus meinem Mission Statement sind. Im Moment ist „das Internet“ ein Punkt auf dem Gartner Hype Cycle und zwar ziemlich weit unten im Tal der tiefen Enttäuschung.

Hilfreich fand ich in diesen Tagen die Anmerkungen von Martin Lindner, der zwischen „Internet“ und „Web“ unterscheidet – hier in einem deutsch übersetzten Vorwort zu David Weinberger von 2003, Small Pieces Loosely Joined. Schön erklärt: Das Web als ein selbstorganisierendes System.

[update] Heute im Tagesspiegel meldet sich mit Jeanette Hoffmann vom Humboldt-Institut eine der ersten weiblichen Stimmen zum Thema „Enttäuschung“. Fazit: Privatsphäre muss im politischen Diskurs neu ausgehandelt werden.

Neu laden

Es geht weiter. Muss ja. Nach 2 verkorksten Updates, Zweifeln am Sinn der Posts und zuviel Offline-Arbeit gehts hier weiter: Mehr als zuvor muss über das Internet geredet und geschrieben werden.